Donnerstag, 19. Juli 2012

Fähigkeitsprofil und operationelle Forderungen.

Europäische Sicherheit, Juli 2012
Verfasser: Dieter Stockfisch, -->LINK


"Mehrzweckkampfschiff Klasse 180 - Fähigkeitsprofil und operationelle Forderungen"

Mit dem Mehrzweckkampfschiff Klasse 180 (MKS 180) plant die Deutsche Marine einen neuen Schiffstyp, der ein zuverlässiges, robustes und flexibel einsetzbares Seekriegsmittel darstellen soll, das ein umfangreiches Fähigkeits- und Aufgabenspektrum abdecken kann und das zu langandauernden Operationen (zwei Jahre im Einsatzgebiet) befähigt werden soll.

Die Verteidigungspolitischen Richtlinien von 2011 gehen davon aus, dass internationale Konfliktverhütung und Krisenbewältigung auch künftig das Aufgabenfeld und  Fähigkeitsspektrum einer neu strukturierten Bundeswehr prägen werden. Das erfordert für die Kräfte und Mittel der Bundeswehr ein breites und flexibles militärisches Fähigkeitsspektrum.
Entsprechend muss die Marine in der Lage sein, dauerhaft, auch in großer Entfernung von Europa, im multinationalen Rahmen und unter Bedrohung vor fremden Küsten zu operieren.
Das MKS 180 soll hierzu einen wesentlichen maritimen Beitrag leisten können. Daher müssen Flexibilität und Adaptierbarkeit für die jeweiligen künftigen Einsätze bereits in den funktionalen Forderungen berücksichtigt und in der Realisierungsphase umgesetzt werden.

Einsatzerfahrungen der Marine

Seit den 1990er Jahren ist die Deutsche Marine kontinuierlich im Rahmen der Krisen-
und Konfliktbewältigung weltweit im Einsatz. Die vielfältigen Einsatzerfahrungen haben
gezeigt, dass sich die Anforderungen an das Fähigkeitsprofil von Schiffen/Booten nach dem Ende des Kalten Krieges geändert haben. Die traditionelle Ausrichtung von Booten/Schiffen auf eine spezifische Aufgabe/Einsatz wird den heutigen Anforderungen und wechselnden Operationsszenarien nicht mehr gerecht. Das Einsatzszenario von heute hat sich gegenüber
den Einsatzszenarien im Kalten Krieg gewandelt. Die Schiffe/Boote waren damals
vorrangig für Kampfeinsätze im Nordflankenraum der NATO (Ostsee/Nordsee, Nordatlantik), also in Gewässern unweit ihrer Heimathäfen konzipiert worden. Die gegenwärtigen und künftigen Einsätze dagegen sind wesentlich geprägt von:

• Langen An- und Abmarschwegen in weit entfernte Operationsgebiete,
• Operieren weltweit in südlichen (warmen) Gewässern,
• Stehzeiten von über vier Monaten (künftig zwei Jahre) in den Einsatzgebieten,
• Operieren im multinationalen Rahmen vor feindlichen Küsten,
• asymmetrischen Bedrohungen auf See und im Hafen,
• Einsatz von Spezialkräften, 
• Operieren/Unterstützen von TSKübergreifenden (Joint)-Missionen,
• Überwachungs-, Aufklärungs-, Embargokontroll-, Eskort- und Evakuierungsaufgaben,
• Schutz von Handelsschiffen.




Ein erster, aber nur vorläufiger Grobentwurf für das Mehrzweckkampfschiff (MKS) 180 (Quelle: MTG)



Forderungen für Betrieb und Nutzung

Die derzeitigen Einsätze der Marine sind überwiegend als Stabilisierungseinsätze gekennzeichnet durch niedrige Intensität gegen nicht militärisch organisierte Kräfte, wobei eine Eskalation niemals auszuschließen ist. Bei diesen Einsätzen sind vielfältige neue Funktionen für ein Schiff erforderlich wie z.B. vorübergehende Anbordnahme/Bewachung von Personen (Terroristen/Piraten), Einsatz von Spezialkräften oder Einsatz von Sensorund Waffenmodulen. Zudem kann sich die Notwendigkeit einzelner Funktionen über die Zeit verändern. Bislang mussten solche Funktionen in den jüngsten Einsätzen oft von hochwertigen Schiffen wie beispielsweise der Fregatte Klasse 124 wahrgenommen werden, die eigentlich für Konflikte mit hoher Intensität (Luftverteidigung) konzipiert ist. Dabei wurde die Gesamtheit ihrer hochwertigen Fähigkeiten weder benötigt noch abgerufen; dafür konnten die benötigten neuen Fähigkeiten nur mit Improvisation/Kompromissen erzielt werden.

Das MKS 180 soll flexibler auf künftige Einsätze ausgerichtet werden. Dieser Weg wurde bereits mit der Fregatte Klasse 125 über die Integration von Bordeinsatzkomponenten beschritten. Das MKS 180 wird u.a. missionsmodular ausgelegt werden. Missionsmodularität ist die Fähigkeit, ein Schiff durch standardisierte Ausrüstungs- und Personalpakete für  bestimmte Missionen/Einsätze auszurüsten zu können. Die operationellen Forderungen an das MKS 180 sehen zur Zeit u.a. folgende Missionsmodule vor:

• Systeme zur Führungsunterstützung (Fm-/EloAufkl. im Rahmen Tactical SIGINT),
• Systeme zur Ziel- und Wirkaufklärung gegen U-Boote, (Schleppsonare) oder
• Systeme zur Unterwasseraufklärung und Bekämpfung von Minen/Sprengkörpern,
• mobile Taucherdruckkammer, 
• Systeme zur Entdeckung von Tauchern /Kampfschwimmern.

Zur Aufstellung und den Betrieb der Missionsmodule und von 20-ft-Containern benötigt das
Schiff vorbereitete Stellflächen für Nutzlast mit entsprechenden Versorgungsanschlüssen
zur vollständigen technischen Integration sowie Nacht- und Allwetterzugang und zusätzliche
Arbeitsplätze an Bord, die im Design des Schiffes zu berücksichtigen sind. Zu den Bordeinsatzkomponenten zählen auch zwei Einsatzboote (RHIB/Rigid-Hulled Inflatable Boat) mit Dauerhöchstfahrt von über 35 kn und zwei Aussetzvorrichtungen. Sie verleihen dem Schiff die Fähigkeit, zwei Einsatzteams Spezialkräfte gleichzeitig einsetzen zu können. 

Als fliegende Bordeinsatzkomponente soll das Schiff einen Bordhubschrauber im Hangar und zwei UAV (Flugdrohnen) inklusiv der dazu gehörenden Missionsausstattung,  Wartungseinrichtungen, Ersatzteile und Munition erhalten. Zudem ist ein Einsatz von Marineschutzkräften an Bord  vorgesehen. Daraus leiten sich entsprechende schiffbauliche Forderungen ab wie ein Rundumschutz mit geschützten nachtsichttauglichen Waffenständen (Maschinengewehr, Scharfschützen, Stinger-Lenkwaffe), geschützte Bereitschaftsräume oder ein durchgängiges Oberdeck, um mögliche bedrohte Schiffsbereiche schnell erreichen zu können.


Fregatte 125 (Quelle: ARGE F125)












Grundfähigkeiten

Das MKS 180 soll über ein weites Spektrum von Grundfähigkeiten verfügen. So sollen die Fähigkeiten an Mobilität folgende Anforderungen abdecken können:

• Weltweit einsetzbar (Hohe See, Randmeere, Küstenvorfeld),
• Einsatz in allen klimatischen Zonen (arktische und tropische Gewässer),
• Dauerhöchstfahrt über 26 kn, Dauermarschfahrt 18 kn bis Seegang 4,
• Fahrbereich 4.000 sm/18 kn ohne Nachversorgung,
• Seeausdauer 21 Tage. 

Für die Überlebensfähigkeit und den Schutz gelten u.a. Anforderungen/Fähigkeiten:

• Kombinierte Anti-Missile Defence (ASMD)-, Anti Air Warfare (AAW)- und Anti-Surface-Warfare (ASuW)- Fähigkeit bis zur äußeren Grenze des Nächstbereiches durch einen Mix aus Rohrwaffen (mittlere Mehrzweckrohrwaffe gegen See- und Luftziele, zwei leichte Rohrwaffen gegen See- und Luftziele, zwei RAM Block 2), Flug- und Täuschkörpern (zwei  Multifunktionswerfer) mit einer bedrohungsangemessenen Detektionseinheit
zur Abdeckung des gesamten EM-Spektrums (Radar, IR, Laser),
• präzise, abgestufte und selektive Bekämpfung von Seezielen im mittleren Entfernungsbereich (z. B. mit Bordhubschrauber),
• Raumreserve zur späteren Nachrüstung eines mittleren Seeziel-Flugkörpers,
• EloUM-Fähigkeit (0.5 bis 40GHz),
• Detektion von Kampfstoffen,
• Schutz von Munitionseinrichtungen/ Schiffsführungsbereichen/Operationszentrale gegen Handwaffenbeschuss Kal. 12,7 mm (Hartkern),
• zentrale Kameraüberwachung für Oberdeck/Bordwände im Hafen,
• Zugangskontrollmöglichkeiten (PIN/ Chipkarte) an allen von außen zu öffnenden Schotten/Luken oder
• Tag- und Nacht-Aufnahmemöglichkeit von organischen UAV/Bordhubschraubern auch bei meteorologischen Grenzbedingungen.

Aus den zu erwarteten Einsatzprofilen des MKS 180 leiten sich unabdingbare Voraussetzungen für eine effektive Nutzung und Durchhaltefähigkeit ab. Die Forderungen nach einer zweijährigen Einsatzdauer (Intensivnutzung) verbunden mit einer geringen Besatzungsstärke (bis zu 140 Personen + 70 Personen Einschiffungskapazität) bedingen eine hohe Standkraft aller Systeme bei möglichst großen Wartungsintervallen. Dabei steht die Reduzierung der Life Cycle Costs auf ein unbedingt notwendiges Maß im Vordergrund. Daraus ergeben sich bestimmte Anforderungen:

• Intensivnutzung mit Mehrbesatzungsmodell, Besatzungswechsel alle vier Monate innerhalb von 96 Stunden,
• Einsatzdauer und Fahrprofil analog Fregatte 125,
• umfangreiche Instandsetzungsfunktionalitäten wie Online-Diagnose mit Heimwerkstätten (Telemaintenance) und Baugruppenaustausch auf Ebenen Materialerhaltung 3 durch die Besatzung bei Ablagen für Fahrfähigkeit und Eigenschutz,
• Befähigung zur Standardversorgung (Replenishment at Sea, RAS),
• Be- und Enttankungsanlagen für UAV (Unmanned Aerial Vehicle), UUV (Unmanned Underwater Vehicle), USV (Unmanned Surface Vehicle) und Hubschrauber,
• Kapazität/Stellflächen für 20-ft-Container und für die Lagerung der Ausrüstung der Einsatzkomponenten,
• Sanitätsdienstliche Kapazität zur allgemeinen medizinischen und notfallmedizinischen Versorgung, Schiffslazarett,
• Personaleffiziente Schiffssteuerung (einschließlich der Schiffsbetriebanlagen) und Schadenskoordination und -durchführung (Plattformautomatisierung) mit zusätzlicher
Überwachungsmöglichkeit auf der Brücke (mit Blend- und Einsichtschutz) oder
• Flugdeck für Bordhubschrauber mit Abfluggewicht bis zu 15 t, Hangar mit Einrichtung für Flugbetrieb, Wartung und Instandsetzung von einem Bordhubschrauber und zwei UAVs.

Das MKS 180 soll ein Kampfschiff werden, das sich als ein zuverlässiges, robustes und flexibel einsetzbares Seekriegsmittel mit einem breiten Aufgaben- und Fähigkeitsprofil
auszeichnet und das zu langandauernden Operationen (zwei Jahre im Einsatzgebiet) befähigt werden soll. Noch umfangreicher als beim Projekt Fregatte 125 sollen diese Anforderungen durch Intensivnutzung, Missionsmodularität, Mehrbesatzungskonzepte, Erhöhung der Durchhaltefähigkeit oder Senkung der Betriebskosten (Life Cycle Cost) erreicht werden. Nach den operationellen Anforderungen wird das MKS 180 wahrscheinlich eine Verdrängung von ca. bis zu 5.000 t haben. Planerisch ist der Bau von sechs Einheiten vorgesehen. All das bedeutet für die Werftindustrie beachtliche Herausforderungen an ihre technologische Innovationsfähigkeit.

 Realisierungsplanung

Angesichts reduzierter Verteidigungsetats und stark schrumpfenden Flottenumfängen nicht nur bei der Deutschen Marine, sondern auch bei vielen europäischen Marinen stellt ein Schiffstyp wie das MKS 180 eine Alternativlösung für die Erhaltung eines möglichst breiten Fähigkeitsspektrums in den Marinen dar. Die grundlegenden konzeptionellen Vorarbeiten für das Fähigkeitsprofil des Schiffes sind angelaufen und liegen im Entwurf vor. 

Das Rüstungsvorhaben wird nach absehbarer Planungslage nicht mehr nach dem alten CPM (Customer Product Management)-Verfahren, sondern wahrscheinlich nach einem neuen CPM-Verfahren bzw. Rüstungsnutzungsprozess in die Wege geleitet. Dafür muss als grundlegender Planungsschritt und als Schlüsseldokument die „Funktionale Fähigkeits-Forderung /FFF“ vom Integrierten Projektteam (IPT) der Abteilung Planung bzw. Planungsamt für das MKS 180 erstellt werden. Die FFF könnte noch Ende 2012 abgeschlossen und  genehmigt werden. Anschließend wird die Verantwortung/Federführung gem. neuem CPM an das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr/BAAIN übergeben, das dann drei Lösungsvorschläge für das MKS 180 erarbeiten soll. 

Der Generalinspekteur der Bundeswehr entscheidet abschließend über die geeignetste  Lösung/Auswahl für den Bau des MKS 180. Aus den Erfahrungen beim Bau von Marineschiffen werden bis zur Indienststellung der ersten Einheit ca. zehn Jahre vergehen. Danach könnte das erste MKS 180 im Jahre 2022 von der Deutschen Marine in Dienst gestellt werden.

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