Mittwoch, 19. Oktober 2011

Das zukünftige "Schweizer Armeemesser" der Deutschen Marine

MARINEFORUM, 19.10.2011
Verfasser: Christian Peters, -->LINK


Im Mai dieses Jahres hat der Inspekteur der Marine entschieden, die bisher unter dem Arbeitsbegriff »Korvette 131« durchgeführten Arbeiten für eine neue Kampfschiffklasse
der Deutschen Marine unter der treffenderen Bezeichnung Mehrzweckkampfschiff 180 (MKS 180) fortzuführen. Dieser folgerichtige Schritt reflektiert die Tatsache, dass die neue Schiffsklasse nicht den etablierten Vorstellungen einer klassischen Korvette entspricht, sondern vielmehr einen neuen Weg einer flexibleren Aufgabenerfüllung darstellt.

Konzeptioneller Rahmen

Die wahrscheinlichsten Aufgaben der Bundeswehr werden auch in der neuen Struktur die internationale Konfliktverhütung und die Krisenbewältigung einschließlich des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus als Teil eines bundeswehrgemeinsamen und fähigkeitsorientierten Ansatzes sein. Für die Deutsche Marine bedeutet dieses, dass sie in der Lage sein muss, weltweit und dauerhaft im multinationalen Rahmen und unter Bedrohung vor fremden Küsten operieren zu können. Hierzu zählt insbesondere die Dauereinsatzaufgabe »Sicherheit im Seeraum«.

Der quantitative Bedarf der Marine für die Klasse 180 beträgt sechs Einheiten. Diese Zahl ergibt sich aus der operativen Forderung, dass die Schiffe gleichzeitig an drei verschiedenen Operationen mit einer Einsatzzeit von zwei Jahren unter Berücksichtigung eines Mehrbesatzungskonzepts eingesetzt werden sollen.

Die konzeptionelle und konstruktive Erarbeitung eines neuen Schiffsentwurfes erfordert detaillierte Vorgaben der Marine. Deshalb wurde bei Vorgängerprojekten zunächst ein auslegungsbestimmendes Szenar definiert, von dem dann die notwendigen Anforderungen für die Auslegung des Waffensystems abgeleitet wurden. Bei praktisch allen Großprojekten stößt dieser Ansatz jedoch schnell an seine Grenzen. Von den ersten Gedanken bis zum Zulauf der ersten Einheit einer neuen Schiffsklasse vergehen in der Regel 10 bis 15 Jahre. Diese Zeit ist für ein komplexes Großprojekt einfach erforderlich. EineVerkürzung ist nicht ohne große Risiken und daraus resultierende technisch-wirtschaftliche Defizite möglich. In diesem langen Zeitraum verändern sich jedoch die Szenare, Aufgaben, Fähigkeiten und Bedrohungen so rasant, dass bereits laufende Rüstungsprojekte kaum noch darauf reagieren können. Die tägliche Einsatzrealität zeigt, dass nicht nur die Szenare sehr schnell von der Wirklichkeit überholt werden, sondern dass sich sogar die Grenzen zwischen der Konf liktverhütung und der Krisenbewältigung nur noch sehr schwer definieren lassen und überaus dynamisch entwickeln.

Die Auslegung einer neuen Plattform für ein spezifisches Einsatzprofil ist daher nicht länger sinnvoll. Es ist jedoch auch weder sinnvoll noch realisierbar, eine Plattform für alle denkbaren Aufgaben, also für ein extrem breites Einsatzprofil auszulegen. Die Fähigkeiten künftiger Einsatzverbände müssen vielmehr mit geringem Aufwand lage- und bedarfsgerecht modular zusammengestellt und vor sowie ggf. auch noch während des Einsatzes flexibel angepasst werden können. Insbesondere vor dem Hintergrund schrumpfender Budgets und stark reduzierter Flottenumfänge wird diese Art von »Missionsmodularität« von vielen restlichen Marinen als Ausweg aus dem Spagat zwischen einem erforderlichen sehr breiten Fähigkeitsspektrum und dem Zwang zu kostengünstigen Plattformen gesehen. Missionsmodule bieten den Soldatinnen und Soldaten im Einsatz die notwendige Flexibilität, sich individuell den zukünftigen Herausforderungen stellen zu können. Sie sichern die Zukunftsfähigkeit der Schiffsentwürfe und bieten dem Steuerzahler den erforderlichen Investitionsschutz.

Operative Forderungen an das MKS 180

Die Grundlage für alle bisherigen und zukünftigen Arbeiten zum MKS 180 sind die operativen Forderungen des Bedarfsträgers Marine. Das vom Inspekteur der Marine vorgegebene Fähigkeitsprofil definiert drei entwurfsbestimmende Aufgaben, die von dem Fahrzeug wahrgenommen werden sollen:

- Überwachen und Beherrschen von Räumen,Einrichtungen und Verbindungslinien zu Wasser und in der Luft (Beispiel: Operation Atalanta am Horn von Afrika),
- Durchführen von Embargo-Maßnahmen (Beispiel: Operation Sharp Guard in der Adria),
- Nationale Risikovorsorge (Beispiel: Evakuierungsoperation Cote D’Ivore)

Konkret bedeuten diese Vorgaben, dass neben dem Selbstschutz die Seeraumüberwachung, das Abfangen von Seezielen und das Durchführen von Untersuchungen (z. B. von verdächtigen Handelsschiffen) in den entsprechenden mandatierten Einsätzen entwurfsbestimmende Kernfähigkeiten des MKS 180 sein müssen. Darüber hinaus muss die Einschiffung von Marineschutzkräften möglich sein und der Tauchereinsatz unterstützt werden. Das operative Fähigkeitsprofil des MKS 180 wird von den folgenden grundsätzlichen Parametern bestimmt:

- Langandauernde operative Verfügbarkeit des Gesamtsystems,
- Lange Stehzeiten im Einsatzgebiet bei existenten Versorgungsketten,
- Eskalationsfähigkeit bei Stabilisierungsoperationen,
- Teilhabe an multinationalen und streitkräftegemeinsamen Operationen,
- Befähigung zur Teilnahme an der netzwerkzentrierten Kriegsführung,
- Intensivnutzung mit einer Betriebserhaltungs-Periodennorm von 68 Monaten,
- Ausreichende Indiensthaltungsreserven.

Im Ergebnis sucht die Deutsche Marine mit dem MKS 180 nach einem einfachen aber robusten »Arbeitspferd«, das als möglichst universeller Träger maritimer Fähigkeiten flexibel auf bisher unvorhergesehene Sicherheitsrisiken, Aufgaben und Anforderungen reagieren kann.


Den kompletten Text finden Sie auf www.marineforum.info oder HIER.

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