Samstag, 4. Juni 2011

Modernisierung von Überwassereinheiten.

Europäische Sicherheit, 04.06.2011
Verfasser: Christian Peters, -->LINK

Investitionsschutz oder Verschwendung von Haushaltsmitteln?

Das Rückgrat der meisten westlichen Marinen sind Korvetten, Fregatten und Zerstörer, also überaus komplexe Systemeinheiten mit einer Lebensdauer von wenigstens einem Vierteljahrhundert. Im Verlauf dieser langen Nutzungsdauer ergeben sich viele Gelegenheiten, die Einheiten im Bestand der Flotte durch mehr oder weniger umfangreiche Umbaumaßnahmen veränderten operativen Aufgaben, aktuellen Bedrohungen und neuen Technologien anzupassen. Jede dieser Maßnahmen ist jedoch immer auch mit einer Abwägung der Wirtschaftlichkeit verbunden. So ist jedes Mal erneut die Frage zu beantworten, ob die verbleibende Restnutzungsdauer den erforderlichen Aufwand an Ressourcen noch rechtfertigt oder dieser besser in Neubauten investiert werden sollte. Mit dem vorliegenden Artikel versucht sich der Autor an einer systematischen Betrachtung dieses komplexen Themas.

Die Modernisierung von Überwassereinheiten ist kein neues Thema. Solange wie es Marineschiffe gibt, werden diese insbesondere nach langen Seefahrten nicht nur wieder instand gesetzt, sondern bei dieser Gelegenheit häufig auch gleich mit neuer Ausrüstung versehen.

Sind die entsprechenden schiffbaulichen Voraussetzungen gegeben, kommen auch umfassendere Umbauten infrage. Bedingung hierfür sind eine robuste Plattform, ein in der Nutzung bewährtes Design, eine ausreichende Restlebensdauer und die notwendigen Reserven an Raum, Gewicht, Energieversorgung, Klima/Lüftung usw. Die praktische Erfahrung zeigt, dass diese Voraussetzungen häufig vor allem bei größeren Entwürfen gegeben sind.
Historische Beispiele für weitreichende Umbauten sind die amerikanischen leichten und schweren Weltkriegskreuzer der Klassen CL 55 Cleveland und CA 68 Baltimore, die in den 50er und 60er Jahren mit Luftzielflugkörpern der ersten Generation zu Lenkwaffenkreuzern hochgerüstet wurden. Weitere Beispiele sind die 130 Weltkriegszerstörer der Klassen Gearing und Sumner, die im Rahmen der Programme FRAM I und II in den 60er Jahren umfassend modernisiert wurden und daraufhin bei einigen Marinen bis in die 80er Jahre, in Ausnahmefälle sogar bis in die 90er Jahre, im Einsatz verbleiben konnten. Geradezu radikal war der in der

Nachkriegszeit von der Royal Navy durchgeführte Umbau von mehr als 30 »Emergency War Time Destroyer« zu schnellen U-Jagdfregatten der Typen 15 und 16. In dieser stark modifizierten Form blieben die Einheiten bis in die 60er Jahre im Dienst, was der Not leidenden Royal Navy ermöglichte, die Zeit bis zum Zulauf der ersten »echten« Fregatten zu überbrücken. Wenn auch im geringeren Umfang, so hat auch die Deutsche Marine Erfahrungen mit dem Umbau von Überwassereinheiten. Der Umbau der Hamburg-Zerstörer zur Klasse 101A, die Modernisierungen der Lütjens-Klasse zum Stand Z-103B oder auch die Kampfwertsteigerung RAM-HAS für die Fregatte 122 sind nur einige Beispiele.


Modernisierungen: Warum?

Als erster Schritt einer systematischen Betrachtung des Themenkomplexes erfolgt zunächst die Darstellung der Ursachen, die zur Notwendigkeit von Modernisierungen führen. In direktem Zusammenhang dazu stehen die Konsequenzen, die sich ergeben können, wenn die notwendigen Maßnahmen nicht durchgeführt werden (können). Hierbei ist das sich aus heutiger Sicht ergebende Bild durchaus differenzierter und komplexer als noch vor 20 Jahren:
Aus der Übersicht auf S. 56 geht hervor, dass die Notwendigkeit von Modernisierungen praktisch immer fremdbestimmt und der Handlungsspielraum eher gering ist. Gleichzeitig sind mit Ausnahme der Obsoleszenz und dem Überschreiten der Altersgrenze die Ursachen nur bedingt vorhersehbar. Da aber die Konsequenzen für den Fall, dass eine notwendige Maßnahme nicht durchgeführt wird (werden kann), meistens erheblich sind, sind die Marinen bei der Nutzung von komplexen Systemeinheiten häufig in einer Art (teuren) Opferrolle.

Moderne Überwasserkampfschiffe sind hochkomplexe Systemeinheiten, die geprägt sind von einer zeitlichen Diskrepanz zwischen dem weitgehend stabilen (elektro-)mechanischen Schiffbau und der überaus dynamischen Missionsausstattung (Sensoren, Führungsmittel, Waffen). Letztere wird vor allem von der Obsoleszenz der kommerziellen Rechnertechnik getrieben. In der Regel ist diese bereits beim Zulauf der Schiffe veraltet und an der Grenze der Versorgbarkeit. Wegen der großen Diskrepanz zwischen den schnellen Wechselzyklen der kommerziellen Rechnertechnik (etwa vier bis fünf Jahre) und den langen Nutzungszeiten der Schiffe (länger als ein Vierteljahrhundert) klafft in der Nutzung sehr schnell eine technische und finanzielle Lücke.

Erschwerend kommt hinzu, dass häufig die kommerzielle Rechnertechnik eingeführt wird, ohne gleichzeitig die finanzielle Vorsorge für die damit verbundenen höheren Kosten in der Nutzung zu treffen. Im Ergebnis führt das »süße Gift« der kommerziellen Rechnertechnik bei modernen Systemschiffen aufgrund der Obsoleszenz alleine über den Faktor Zeit zu einer sich aufsteilenden Bugwelle an Modernisierungsbedarf. Da mittlerweile keine militärische Rechnertechnik mehr existiert, sind der kommerzielle Ansatz und damit auch die Obsoleszenz »alternativlos«. Die Marinen müssen sich diesem fremdbestimmten Treiber für Modernisierungen stellen wie der Mensch dem Wetter.


Betroffene Teilaspekte

Im zweiten Schritt erfolgt eine schematische Darstellung der Einzelaspekte, die von den Maßnahmen zur Modernisierung betroffen sind.
Seit dem Angriff auf die USS Cole und dem Anschlag auf das World Trade Center konzentrieren sich die meisten der kurzfristigen Sofortmaßnahmen auf den Schutz vor und den Kampf gegen terroristische und asymmetrische Bedrohungen. In diesem Zusammenhang werden umfangreiche Kommunikationsanlagen, taktische Datenlinks, eine Vielzahl von Führungsinformationssystemen sowie insbesondere elektro-optische Überwachungs-, Aufklärungs- und Feuerleitsysteme, hochauflösende Radare und leichte Maschinenkanonen nachgerüstet. Der reaktionsschnelle Feuerkampf im Nächstbereich ist zu einer überlebenswichtigen Voraussetzung für alle Überwassereinheiten geworden.

Vor diesem Hintergrund erleben die leichten Maschinenkanonen im Kaliber von 30 bis 40 mm nach dem Falklandkrieg derzeit ihre zweite Renaissance, dieses Mal in Form von fernbedienten Waffenstationen mit eigener Sensorik und Feuerleitung. Aus Sicht der meisten westlichen Marinen haben die klassischen Aufgaben Luftverteidigung, U-Jagd und der Kampf gegen feindliche Überwasserstreitkräfte deutlich an Bedeutung verloren. Derzeit aktuell ist die nachträgliche Integration von unbemannten Luftfahrzeugen als autonom operierende Aufklärungsmittel. Im Zusammenhang mit der »Organischen Minenabwehr« bekommt auch die modulare Integration von unbemannten Fahrzeugen zur autonomen Unterwasseraufklärung eine zunehmend größere Bedeutung.

Zu den technisch und finanziell aufwendigsten Modernisierungen im Bereich der Missionssysteme gehört die nachträgliche zusätzliche Integration von weitreichenden Luftziel-Flugkörpern, insbesondere wenn diese über eine halbaktive Radarzielsuchlenkung verfügen. In diesem Fall sind Eingriffe in alle Aspekte der Waffenfunktionskette, die nachträgliche Integration von Radaranlagen und umfassende schiffbauliche Maßnahmen erforderlich. Wegen des resultierenden Aufwandes und der damit verbundenen Risiken sind derartig umfassende Modernisierungen jedoch selten.

Im Gegensatz zu den umfangreichen Maßnahmen bei den Missionssystemen sind die Modernisierungen im Bereich der Schiffstechnik (Antrieb, Ausrüstung) recht unspektakulär. Die notwendigen Überholungen bzw. der Austausch von Anlagen erfolgen meist im Rahmen der planmäßigen Instandsetzung. Ausgeprägte Modernisierungsprojekte im Bereich der Schiffstechnik sind international selten.

Ausnahmen sind:

- die Einrüstung neuer Anlagen als Reaktion auf schärfere Umweltschutzauflagen,
- die Verstärkung von Klima- und Lüftungsanlagen aufgrund erweiterter Einsatzgebiete in wärmeren/kälteren Regionen,
- der Austausch unzuverlässiger Antriebs- oder Energieerzeugungsanlagen.

Zu den schiffbaulich aufwendigsten Umbauten gehört die Integration von neuen Bordhubschraubern. Die Nachfolgetypen sind in der Regel deutlich leistungsfähiger, deshalb aber auch meistens größer als ihre Vorgänger (SH-60 Sea Hawk anstelle SH-2F Sea Sprite). Für die Einschiffung als organische Bordhubschrauber samt Werkstätten und Missionspaketen sind dann in der Regel umfangreiche schiffbauliche Eingriffe in die Achterschiffe erforderlich, die auch die Verlängerung von Hangar und Flugdeck oder sogar des Schiffskörpers umfassen können.

In jüngster Zeit international erkennbar ist ein Effekt, der aus den umfangreichen nachträglichen Einbauten resultiert. Der »Preis« für die Anpassung der existierenden Einheiten an die veränderten Einsatzerfordernisse sind die daraus resultierenden Mehrgewichte mit zum Teil erheblichen Auswirkungen auf die Gewichts- und Momentenbilanz. Immer mehr Systemschiffe bekommen Stabilitätsprobleme. Da bei älteren Einheiten die Indiensthaltungsreserven meistens bereits aufgezehrt sind und die Intensität der Nutzung häufig dauerhaft über dem projektierten Nutzungsprofil liegt, resultieren über den Faktor Zeit aus den Stabilitätsproblemen schließlich auch Konsequenzen für die Festigkeit der Schiffsstruktur: Rissbildung, schon deutlich vor Erreichen der projektierten Altersgrenze. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sind schiffbauliche Erhaltungsmaßnamen nicht mehr zu vermeiden.

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