Dienstag, 4. Mai 2010

Korvette 131: Eine nutzungsorientierte Schiffsklasse.

Europäische Sicherheit Online, 04.05.2010
Verfasser: Christian Peters, -->LINK

Die Konzeption der Bundeswehr bestimmt unter anderem die internationale Konfliktverhütung und Krisenbewältigung einschließlich des Kampfes gegen den Terrorismus als Aufgaben der Bundeswehr und schreibt bei der Ausrüstung der Streitkräfte den bundeswehrgemeinsamen und fähigkeitsorientierten Ansatz fest. In diesem Zusammenhang umfasst der Auftrag der Stabilisierungskräfte die Beteiligung an multinationalen, streitkräftegemeinsamen militärischen Stabilisierungsoperationen niedriger bzw. mittlerer Intensität und längerer Dauer in dem gesamten Spektrum der friedensstabilisierenden Maßnahmen.

Für die Deutsche Marine bedeutet dies, dass sie in der Lage sein muss, weltweit und dauerhaft im multinationalen Rahmen und unter Bedrohung vor fremden Küsten operieren zu können. Hierzu zählt insbesondere der Aufgabenkomplex „Sicherheit im Seeraum“. Der maritime Beitrag der Stabilisierungskräfte wird bisher unter anderem durch die acht Fregatten 122 und die zehn Schnellboote 143A erbracht. Bei einem Rotationsfaktor (Anzahl der Einheiten, die sich auf einer Station abwechseln) von drei können mit diesem Kräftedispositiv gleichzeitig und durchhaltefähig bis zu sechs Stationen in Stabilisierungsoperationen besetzt werden. Diese Einheiten werden jedoch in absehbarer Zeit das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. Ab 2016 wird die beginnende Ausphasung zu einem anwachsenden quantitativen Missverhältnis zwischen den erforderlichen und den verfügbaren Plattformen führen. In der Konsequenz droht bei der Durchführung von Stabilisierungsoperationen die Durchhaltefähigkeit verloren zu gehen. Gleichzeitig wird der Zwang noch größer, die Hochwerteinheiten der Eingreifkräfte für Stabilisierungsoperationen heranzuziehen. Diese werden dann jedoch personell und materiell über Gebühr beansprucht, ohne dass dabei ihr leistungsstarkes Fähigkeitsspektrum tatsächlich voll zur Anwendung kommen kann. Das Verschleißen von Eingreifkräften in lang anhaltenden Stabilisierungsoperationen ist unwirtschaftlich und führt darüber hinaus zu einer reduzierten Verfügbarkeit dieser Einheiten für Eingreifoperationen, also die Art von Einsätzen, für welche die leistungsfähigen Systemeinheiten (Fregatten und Korvetten) tatsächlich gebaut wurden.

Folgerichtig sucht die Deutsche Marine mit der Korvette 131 nach einem einfachen aber robusten „Arbeitspferd“, das den Stabilisierungskräften zuzuordnen ist und als Fähigkeitsträger den Verband Stabilisierungskräfte ergänzen soll. Während die Fregatte 125 das gesamte Spektrum von Stabilisierungseinsätzen wahrnehmen kann, soll die Korvette 131 ausschließlich für den „low-intensity“-Bereich ausgelegt werden. Die Korvette 131 soll die Fregatte 125 ergänzen, um Einsätze im unteren Intensitätsspektrum wirtschaftlicher durchführen zu können. Damit steht für die Korvette 131 nicht der Kampfeinsatz gegen einen militärisch organisierten Gegner im Vordergrund des Fähigkeitsprofils, sondern der Grundsatz der „Economy of Effort“. Die Korvette 131 wird leistungsfähigere aber auch personal- und kostenintensivere Einheiten bei den Einsätzen freisetzen, die kein breitbandiges und hochwertiges Fähigkeitsprofil erfordern.

Operative Forderungen

Die Korvette 131 wird für die Konfliktbewältigung über Wasser ausgelegt. In Verbindung mit der Festlegung des Fähigkeitsprofils auf Stabilisierungseinsätze am unteren Ende der Intensitätsskala ergeben sich hieraus die entwurfsbestimmenden Aufgaben, die von dem Fahrzeug wahrgenommen werden sollen:

- Überwachen und Beherrschen von Räumen,
- Einrichtungen und Verbindungslinien zu Wasser und in der Luft,
- Durchführen von Embargo-Maßnahmen,
- Durchsetzen gegen teilweise militärisch organisierte Gegner und asymmetrisch operierende Kräfte.

Konkret bedeuten diese Vorgaben, dass neben dem Selbstschutz die Seeraumüberwachung, das Abfangen von Seezielen und das Durchführen von Boardings entwurfsbestimmende Kernfähigkeiten der Korvette 131 sein müssen. Darüber hinaus muss die Einschiffung von Marineschutzkräften möglich sein und der Tauchereinsatz unterstützt werden. Dabei wird das operative Fähigkeitsprofil von den folgenden grundsätzlichen Parametern bestimmt:

- Langandauernde operative Verfügbarkeit des Gesamtsystems,
- lange Stehzeiten im Einsatzgebiet bei existenten Versorgungsketten,
- Eskalationsfähigkeit bei Stabilisierungsoperationen,
- Teilhabe an multinationalen und streitkräftegemeinsamen Operationen,
- Befähigung zur Teilnahme an der netzwerkzentrierten Kriegsführung,
- Intensivnutzung mit einer Betriebserhaltungs-Periodennorm von 48 Monaten,
- ausreichende Indiensthaltungsreserven.

Die geplante Anzahl von sechs zu beschaffenden Korvetten 131 ist eine quantitative Mindestforderung. Diese Zahl ergibt sich aus der operativen Forderung, dass die Einheiten gleichzeitig an drei verschiedenen Operationen mit einer Einsatzzeit von zwei Jahren unter Berücksichtigung eines Zwei-Besatzungs-Konzepts eingesetzt werden sollen (Rotationsfaktor zwei).

Nutzungsorienterierung

Neben dem optimierten Fähigkeitsspektrum ist die konsequente Nutzungsorientierung das zweite wesentliche Entwurfsmerkmal der Korvette 131. Noch deutlicher als dieses bei den Vorgängerprojekten erforderlich war, müssen die Belange des späteren Nutzers und der Nutzung bereits frühzeitig mit in die Konzeption der neuen Plattform einfließen. Die absehbaren finanziellen und personellen Rahmenbedingungen erzwingen, dass sich der Fokus immer mehr von der reinen Beschaffung auf die spätere Nutzung verlagern muss, d.h. auf die Aufgabe, die Einheiten wenigstens dreißig Jahre lang dauerhaft einsatzbereit zu halten und zu betreiben.

Die Korvette 131 muss zu einer spürbaren Entlastung der Marine in der Nutzung führen, d.h. zu einer nachhaltigen Reduzierung der Aufwände für Personal, Ausbildung, Kraftstoff, Verbrauchsgüter, Instandhaltung, Instandsetzung, Ersatzteile, Konfigurationsmanagment, Dokumentation, Systempflege und Änderung. In Verbindung mit der gleichzeitig geforderten sehr hohen operativen Verfügbarkeit der Einheiten wird für die Deutsche Marine zum ersten Mal die Unterstützbarkeit in der Nutzung zu einem limitierenden Faktor für den Entwurfsprozess. Rein praktisch bedeutet dieses für die Korvette 131:

- Budget für die Nutzung als Design-Kriterium,
- Reduzierung der Systemkomplexität durch weniger und einfachere Untersysteme,
- Verbesserung der Wartbarkeit durch geringere räumliche Integrationsdichten,
- Begrenzung der Auswirkung von COTS-Obsoleszenzen durch geringere funktionale Integrationstiefen für Untersysteme,
- Reduzierung der kommerziellen Abhängigkeiten von singulären Anbietern,
- Verstärkte Nutzung des Wettbewerbs,
- Verstärktes Einbringen des öffentlichen Auftraggebers (öAG).

Entscheidende Bedeutung wird in diesem Zusammenhang dem Grad der Automatisierung zukommen. Ein hoher Automatisierungsgrad erfordert weniger Personal zum Betreiben des Schiffes. Dieses bedeutet aber auch gleichzeitig eine gesteigerte Systemkomplexität und führt damit in der Folge zu erhöhten Aufwänden bei der Nutzungsunterstützung. Eine erfolgreiche Optimierung des Automatisierungsgrades ist enscheidend für die Wirksamkeit der Nutzungsorientierung. Hier gilt es, eine ausgewogene Balance zwischen Systemkomplexität, Personalbedarf und Nutzungskosten zu finden. Diese Art der konsequenten Nutzungsorienterung ist eine Handlungsoption, die sich erst durch das Einsatzprofil der Korvette 131 im unteren Intensitätsspektrum von Stabilsierungseinsätzen ergibt. Hochkomplexe Systemeinheiten der Eingreifkräfte könnten mit diesem Ansatz weder hergestellt noch betrieben werden.

Missionsflexibilität

Aus den oben aufgeführten Rahmenbedingungen und Forderungen ergibt sich für die Korvette 131 ein sehr breites Fähigkeitsspektrum. Eine direkte Umsetzung aller Fähigkeiten in einem Entwurf führt zwangsläufig zu einem sehr großen und aufwändigen, d.h. kostenintensiven Fahrzeug. Vor diesem Hintergrund ist die Missionsflexibilität einer der Ansätze, die zum Teil widersprüchlichen Anforderungen an das Projekt miteinander in Einklang zu bringen. Missionsflexibilität bedeutet, dass nicht alle Fahrzeuge dieser Klasse ständig die gesamte Ausrüstung an Bord mitführen müssen. Bestimmte Anteile, die so genannten Missionsmodule, können für jeden Einsatz individuell an oder von Bord genommen werden. Hierdurch lassen sich die Größe und Kosten der Trägerplattform, die Beschaffungskosten für die Untersysteme und auch der erforderliche Personalaufwand an Bord begrenzen. Missionsmodularität geht deutlich weiter, als die bisher vielfach praktizierte Modularität bei Entwurf, Konstruktion und Bau von Marinefahrzeugen (Baumodularität).

Die in der Vergangenheit insbesondere von der dänischen (StanFlex) aber auch der Deutschen Marine gemachten praktischen Erfahrungen mit der Containerisierung/Modularisierung von Missionsausstattungen zeigen, dass der praktischen Umsetzung dieser in der Theorie scheinbar einfachen Idee zum Teil enge Grenzen gesetzt sind. So müssen auf der Trägerplattform bestimmte bauliche Voraussetzungen geschaffen werden, damit eine Einsatzfähigkeit der an Bord zu nehmenden Module hergestellt werden kann. Gemeint sind damit nicht die reinen Stellplätze für Container, sondern vielmehr die große Anzahl schiffstechnischer und funktionaler Integrationsbelange. Darüber hinaus müssen die für die missionsspezifische Integration vorgesehenen Systemanteile grundsätzlich geeignet sein und durch entsprechende Modifizierungen für den missionsflexiblen Einsatz ertüchtigt werden. Wird zusätzlich der für Einbau, Ausbau, Kalibrierung/Justierung und die Inbetriebnahme benötigte Aufwand mitberücksichtigt, erweist sich die Missionsmodularität für einige Anteile in der Praxis unter dem Strich als überaus arbeits-, zeit- und kostenintensiv. Schnell ist der Punkt erreicht („Break Even“), ab dem ein missionsmodularer Ansatz nicht mehr sinnvoll realisierbar ist.

Die Analysen, welche Teile des Einsatzsystems sich in der Praxis tatsächlich für eine missionsspezifische Einschiffung eignen, sind noch nicht abgeschlossen. Bereits jetzt ist jedoch absehbar, dass nicht das gesamte Einsatzsystem aus Missionsmodulen bestehen kann. Realistisch ist vielmehr eine Kombination aus einem schiffsfesten Basisanteil, ergänzt um einen variablen, missionsspezifischen Ergänzungsteil. Für den schiffsfesten Anteil bedeutet dieses eine hohe inhärente Flexibilität, d.h. möglichst universelle und nicht auf spezielle Anwendungen optimierte Systemkomponenten. Diese Erkenntnis deckt sich mit dem Ansatz der U.S. Navy bei dem Littoral Combat Ship (LCS). Auf der personellen Seite spiegelt sich dieses Konzept in einer Stammbesetzung von etwa 70 Soldatinnen/Soldaten und einer missionsspezifischen Einschiffungskomponente von etwa 50 Soldatinnen/Soldaten wider.

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